HOCHFEST MARIENEMPFÄNGNIS (B): 2020-12-08

HOCHFEST DER OHNE ERBSÜNDE EMPFANGENEN JUNGFRAU MARIA: 2020-12-08

Schriftlesungen: Gen 3,9-15.20; Eph 1,3-6.11.-12; Lk 1,26-38

KERNBOTSCHAFT: Nur in der dreidimensionalen Begegnung gelingt das Leben des Menschen.

Schauen wir dorthin, wo es uns Menschen wohl ist und zugleich wo wir seelischen Verwundungen ausgesetzt sind: Für mich ist heute angesichts der hochtrabenden theologischen Sprache des heutigen Hochfestes, das Papst Pius IX im Jahr 1854 als Dogma verkündet hat, ein Tag des Gefühls und des Erlebens. Ich beschränke mich darum ausschließlich auf das heutige Evangelium. Um welche Gefühle und Erlebnisse geht es in diesem Evangelium? Es findet eine außergewöhnliche Begegnung statt: Himmel und Erde begegnen sich. Gott kommt einem Menschen durch seinen Boten entgegen. Ja, Gott verbündet sich mit einem Menschen – widererwarten, sogar gegen seine Zukunftspläne. Gott wird zu seinem neuen Projekt – für die Menschheit. Gott traut einem Menschen etwas zu – ich nenne dieses >>Etwas<< eine Zumutung der Liebe. „Du bist die Begnadete“, das will heißen, Gott schenkt Maria die Fülle seiner Liebe derart, dass sie in ihr Gestalt annimmt und selber weiter Liebe, Wärme und fröhlichen Glanz ausstrahlt. Es vollzieht sich die schönste Form der Begegnung. Die Liebe besitzt die Kraft der Verwandlung, der Verzauberung. Die Erfahrung ist keinem und keiner von uns fremd: der Zauber echter Liebe kann Menschen ihre scheinbare Selbstsicherheit nehmen. Nicht anders bei Maria: „Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.“ Wo aber Gefühl und Erleben zusammenkommen, da geschieht die Selbsttranszendenz, die Selbstüberschreitung. Das ist aber eine erfüllende Art der Begegnung mit Gott. Alle Erklärungen erreichen immer noch nicht Maria! „Wie soll [denn] das Geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Eines hat immer noch die verwirrte Maria – das Mädchen vom Dorf – nicht begriffen: Gottes Liebe widerspricht nicht der natürlichen Ordnung; sie übersteigt alle Naturgesetze, nimmt sie in sich auf und vollendet sie. Darum kann, wem Gott wirklich begegnet, konkrete Liebe in die Welt hineintragen.

Von sich loslassen und mehr auf Gott bauen: Wir wissen es: dieses Hochfest war, ist und bleibt ein sehr großes Streitthema, selbst in der katholischen Kirche. Das nehme ich dennoch persönlich für meinen Glauben, denn Gott und der Glaube an ihn wollen ganz persönlich genommen werden: Ich werde nicht aufhören, Gott zu suchen, auf Gott zu warten, und zwar in seinen eigenen Möglichkeiten für mich. Zweitens: Gott selber möge meinem Suchen und Planen zuvorkommen. ER möge mit mir stets eine neue Geschichte schreiben. Drittens: Mein Gottvertrauen möge beständig wachsen, so, dass ich in allen Lebenssituationen sagen kann: „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ Gott möge mir aber auch immer wieder solche Lebenszeichen geben, damit ich immer mehr erkenne, dass für ihn nichts unmöglich ist. Viertens, und schließlich: Mein persönliches Gottvertrauen möge eine frohe und ermutigende Botschaft sein für andere; eine glaubwürdige Einladung. Das alles sagt mir Gott durch Maria.

ZWEITER ADVENTSSONNTAG (B): 2020-12-06

ZWEITER ADVENTSSONNTAG 2020-12-06

Bibelstellen: Jes 40,1-5.9-11; 2 Petr 3,8-14; Mk 1,1-8

Auf der Suche nach einem alternativen Lebensentwurf: „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.“ Wer braucht Umkehr? Wie geschieht Umkehr? Jede wahre Umkehr beginnt mit einer Sehnsucht, einer Sehnsucht nach Ganz-sein, nach unserem besseren Selbst, eine Sehnsucht nach der eigentlichen Wahrheit unseres Lebens; nach der Wahrheit unserer Welt. Die Wahrheit und das Böse vertragen sich aber nicht. Das Böse findet in der Lüge seinen Verbündeten. Es braucht immer seine Handlanger. Es sucht seine freiwilligen >>Opfer<< und findet sie auch. Ich weiß aber auch, wovor es sich fürchtet: vor der Wahrheit und dem Geistreichtum. Beide führen zu seiner Selbstauflösung, zu seiner Selbstzerstörung. Wenn das Böse sich zu einem System gebildet hat, muss es, um es besiegen zu können, zu einem Kontrast kommen, es muss zu einer Ausbildung der Struktur der Wahrheit und des Geistesreichtums kommen. Das Böse ist nämlich die Lüge der falschen Macht, des falschen Lichtes und der falschen Faszination. Das System der Lüge, das Böse entlarvt sich immer in der Konfrontation mit der Wahrheit. „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ Johannes der Täufer spricht das Thema >>Umkehr<< an. Das Wort Gottes, letztendlich Jesus Christus, ist die Quelle der Wahrheit. Umkehr tut uns allemal not, aber ist zugleich gefährlich. Ja, die Wahrheit ist gefährlich – für den Menschen, der sie liebt und lebt, wie auch für den andern, der mit ihr konfrontiert wird. Denken wir etwa an den Erzbischof von San Salvador in El Salvador, Oscar Romero in den Umständen seiner Ermordung am Altar Gottes. Er stand anfänglich nicht auf der Seite der Armen und Ausgebeuteten. Die Wahrheit Jesu Christi erwischte ihn jedoch und er starb im Dienst der Gerechtigkeit. Wie tiefsinnig ist doch dieses Bild: am Altar und im Dienst der Wahrheit ermordet! Wer an diesem heiligen Ort steht, wird von der Wahrheit in Anspruch genommen und setzt sich jedoch zugleich dem Bösen, der Weltenlüge aus. Wir brauchen nichtsdestotrotz nicht ängstlich zu sein. Denn der Herr ist unsere Kraft und ist immer im Kommen.

Auf die Ankunft des Herrn warten – was heißt es? : Es heißt, sich zu öffnen – ohne Vorbehalte. Es heißt, sich mit dem Wort Gottes in seiner erneuernden Kraft bewusst auseinanderzusetzen, und dabei Jesus, den Freund unserer Seele zu fragen: Was willst DU von mir? Es ist ernst um den Advent, aber eine Ernsthaftigkeit, die zu Freiheit und Freude – zur Erfüllung – führt.

ERSTER ADVENTSSONNTAG (B): 2020-11-29

ERSTER ADVENTSONNTAG (B): 2020-11-29

KERNBOTSCHAFT: In allen Widerwärtigkeiten im Leben richten wir unseren Blick auf den Gott der Hoffnung.

In das Leben eingeweiht: Der Anfang unseres heutigen Evangeliums ist die Bewunderung des Tempelwerkes durch einen der Jesu Jünger. Jesus aber lenkt seinen Blick weg von Äußerlichkeiten und Vergänglichkeiten. Wer der Parousia (dem endgültigen Kommen Jesu Christi) entgegengeht, hat nichts mehr gemein mit Äußerlichkeiten. Ein solcher Mensch hält Ausschau nach dem Bleibenden. Dazu gehört aber eine erhöhte Aufmerksamkeit. Mitten in allen Erschütterungen und Schreckensszenarien, die den Menschen zusetzen, wartet Jesus mit einer einzigartigen Botschaft auf, die es vermag, echter Trost zu sein. Seine Worte der Hoffnung gelten auch uns Heutigen: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mk 13,31). Allein was von uns verlangt wird, ist die Wachsamkeit: „Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist“ (Mk 13,33). Wachsamkeit ist Achtsamkeit. Deshalb verwendet Jesus das Bild eines Türhüters. Wenn wir das Weihnachtsfest für das, was es ist (die Geburt Gottes in die irdische Wirklichkeit hinein wie auch in unserer Seele) begehen wollen, müssen wir gute Türhüter*innen zu unseren Seelen sein. Alles darf nicht einfach rein. Da müssen wir wach sein für Situationen der Ungerechtigkeit, für Menschen, die benachteiligt werden, denen man ihre Rechte vorenthält. Da müssen wir wach sein für Leid, für zugefügte Verletzungen, die es zu verbinden und zu heilen gilt. Wach für Unwahrheiten, die es aufzudecken gibt. Die Tür zu unserer Seele zu hüten, heißt aber auch, dass wir die große Versuchung zu überwinden trachten, nach Außen stets eine weiße Weste tragen müssen zu meinen.

Es heißt, in allem auf die Treue Gottes zu bauen: Schwestern und Brüder! Wir hörten aus den Lesungen, worauf es im unserem Glauben, zumal im Advent, wirklich ankommt: auf die Besinnung auf die Treue Gottes. Das Volk aus dem Babylonischen Exil hat sich auf sein individuelles und gemeinsames Leben besonnen und ein kollektives Schuldbekenntnis abgelegt. Ihr gemeinsames Bußgebet und ihre gemeinsame Hoffnung waren ihre Kollektiverinnerung an die unverbrüchliche Liebe Gottes. Beten bedeutete für sie, Gott an seine Liebestaten zu erinnern: „Du, HERR, bist unser Vater, >>Unser Erlöser von jeher<< ist dein Name. ... Seit Urzeiten hat man nicht vernommen, hat man nicht gehört; kein Auge hat je einen Gott außer dir gesehen, der an dem handelt, der auf ihn harrt. Du kamst dem entgegen, der freudig Gerechtigkeit übt, denen, die auf deinen Wegen an dich denken.“ Ähnlich spricht der Apostel Paulus gegenüber seiner Gemeinde von Korinth. Er erinnert sie an die Ursprünge, an die Treue Gottes. In einer solchen Erinnerung liegt eine gewaltige Erneuerungskraft: „Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde…Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus unserem Herrn.“ Die Erinnerung an das, was früher war, der Gedanke an die Anfänge, kann ein spirituelles Bollwerk gegen die Verzweiflung sein. Aus Schmerz kann eine gute Wachstumsmöglichkeit werden. Jesus sagt uns, dass die Hoffnung Gottes ureigene letzte Option ist, nicht die Verzweiflung.

CHRISTKÖNIGSSONNTAG: 2020-11-22

CHRISTKÖNIGSSONNTAG (A): 2020-11-22

KERNBOTSCHAFT: Er, der im Anfang bei Gott war, wird unsere Lebensvollendung in der Gerechtigkeit seiner Liebe sein.

Jesus der Pantokrator: In der byzantinischen Kunst ist die Darstellung des thronenden Christus besonders beliebt und bildet die Grundausrichtung der orthodoxen Theologie, der Theologie der Herrlichkeit Gottes. Jesus ist der Pantokrator. Diese bildhafte Spiritualität ist auch in der Ikonenmalerei sehr beliebt. Im ersten Kapitel, Vers 8, der Offenbarung des Johannes ist Pantokrator der höchste Ehrentitel für Gott, aber auch für den auferstandenen Christus. Wir lesen dort: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“ Das ist der biblische Hintergrund unseres heutigen Hochfestes. Es fällt auf, dass bei der chronologischen Einteilung der Hauptakzent auf die Gegenwart liegt: >>der ist<<. Was bedeutet das für unseren Glauben und für unser Leben? Auch wenn wir in unserem Glaubensbekenntnis sagen „Er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“, so sollen wir verstehen, dass Gott eine ewige Gegenwart ist. An Gott zu glauben, heißt deshalb in Gott zu sein und sich in Gott zu bewegen. Was heißt das aber wirklich, in Gott zu sein und sich in Gott zu bewegen?

Gott im täglichen Leben ernst zu nehmen: Wenn ich an Gott wirklich glaube, dann heißt es, dass der Gott dieses Universums und der Gott Jesu Christi ein Gott und Freund des Lebens ist. Ich soll in die Erkenntnis hineinwachsen, dass es nicht seinem Wesen und seinem Heilswillen entspricht, wenn der Mensch in seiner Elend vergessen wird. Darum ging Jesus unverwandt und unermüdlich dem Verlorenen nach. Jesus hat gezeigt, dass jeder Mensch ein Auftrag Gottes ist. Gerade unsere Wahrnehmung oder Missachtung dieses Auftrags gehört zu unseren Letzten Lebenswirklichkeiten. Die Lehre der Kirche nennt diese „Letzten Lebenswirklichkeiten“ die „Letzten Dinge“: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Im Angesicht unserer unausweichlichen Endlichkeit und Sterblichkeit darf es uns nicht gleichgültig sein, wie wir unser Leben hienieden führen und gestalten. Es darf uns nicht Wurst sein, ob wir mit und in Jesus Christus leben oder nicht. Wie aber leben wir in und mit Christus? Wir leben am besten in und mit ihm, wenn wir in unseren geschundenen Mitmenschen ihn selbst wieder erkennen. Wenn wir ihnen Wärme, Achtung und Zuwendung schenken. Der Tod und das Endgericht wandern mit uns auf allen Straßen des Lebens! Ich teile mit euch, wie es mir persönlich geht bei diesem Gedanken des Pantokrators: Oft komme ich von der Faszination des ursprünglich und eigentlich Christlichen einfach nicht weiter. Wir haben als Christen*innen eine wunderschöne Verantwortung: die universale Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit. Warum will denn diese universale Geschwisterlichkeit nicht so richtig gelingen? Es gibt jedoch zugleich eine ernstzunehmende Warnung: „Geh weg von mir, denn als in großer Not war, hast du mich vergessen!“ Schwestern und Brüder, eine wahre Religion, ein wahrer Glaube erkennen wir daran, wenn in jedem Menschen ein Kind Gottes gesehen wird.

DREIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHREIS (A): 15.11.2020

DREIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (A): 2020-11-15

KERNBOTSCHAFT: Gott traut uns Lebenswachstum und Erfüllung zu. Wir können immer in das Gottvertrauen hineinwachsen.

Wir sind zum Gottvertrauen eingeladen: Wir sind meistens geneigt, gerade bei diesem Gleichnis in die Falle der Moral hineinzutappen. Da sind die zwei Diener, die mit den empfangenen Ausstattungen verdienstvoll gewirtschaftet haben. Sie werden auch entsprechend gelobt. Kritisch betrachtet, fällt mir die Vorstellung sehr schwer, wie der dritte Diener in die gleiche Marktsituation mit seiner finanziellen Ausstattung hineingehen sollte, um einen sichtbaren Erfolg zu erwirtschaften. Steckt nicht vielleicht die große soziale Frage der Umverteilungsgerechtigkeit im Raum? Es geht jedoch um mehr als um ein bloßes Wirtschaften. Ginge es um eine reine Wirtschaftstüchtigkeit, hätte ich einen großen Vorbehalt gegenüber der Ungleichheit des Ausgangspunkts. Aber nein! Die Gleichnisse Jesu gehen immer tiefer. Sie offenbaren uns das innerste Geheimnis Gottes wie auch das Geheimnis des menschlichen Lebens vor Gott. Gottes Wesen ist aber Zuwendung. „Jesus stellte mit seinen Gleichnissen die Menschen mitten im Leben direkt vor Gott.“ Er kommt jedem Menschen mit seinem Wohlwollen entgegen und ermöglicht ihm dadurch seine eigene Lebensentfaltung. Ich finde, dass dieses Bild der Talente uns anschaulich macht, wie erfüllt unser Leben sein kann, wenn wir Gott in unser Leben einlassen, wenn wir ihm Vertrauen schenken. Es geht auch vor allem darum, dass wir im jeweiligen Augenblick das Notwendige tun.

In der Lebensgemeinschaft mit Gott entfaltet sich unser Leben: Am Ende dieses Gleichnisses von anvertrauten Talenten steht Jesus als das schönste und höchste Geschenk, das Gott an uns macht. Da hört die Denkkategorie von Erfolg und menschliche Leistung auf. Worum es geht und worauf es ankommt, ist die Annahme mit ganzem Herzen. Denn nur ein aufnahmebereites Herz kann ein würdiger „Haushalter Gottes“ sein. Das Bild der Wirtschaftsleistung ist eben ein Bild für das, was Gott uns Menschen entgegenhält. Auf die Herzensgüte kommt es allemal an. Es geht um die Wertschätzung der Güte, die mir Gott schenkt. Das letzte Kapitel des Buches der Sprichwörter hebt besonders die Lebensgemeinschaft mit Gott hervor, aus der wir unser eigenes Leben viel sinnvoller gestalten können. Gott wird als Weisheit in weiblicher Gestalt dargestellt, deren Fürsorglichkeit den Menschen gut tut. „Voll Lust arbeitet sie mit ihren Händen“, „öffnet sie für die Bedürftigen“ und „reicht ihre Hände dem Armen“. So sieht es aus mit der Sorge Gottes. Frage: Wie hätte es für den dritten Diener im Evangelium ausgeschaut, wenn er Gott Vertrauen geschenkt hätte? Er hätte höchstwahrscheinlich seine Angst verloren und hätte aus dem einen Talent, das er erhalten hat dennoch Wunderschönes machen können. Wir könnten des Öfteren mit dem Apostel Paulus sagen: „Meine Gnade genügt dir“ (2 Kor 12,9b).

ZWEIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (A): 08.11.2020

ZWEIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (A): 2020-11-08

KERNBOTSCHAFT: Gottes Weisheit ist das gelingende Leben und die Rettung des Menschen.

Weisheit ist die besondere Würze in unserem Leben: Es ist sehr faszinierend zu beobachten, wie wir nach vielen Dingen im Alltag streben. Unser Leben ist vielfältig und zugleich kompliziert. Eine Leistungsgesellschaft muss nicht schlecht sein, aber sie produziert auch viele ausgebrannte und erschöpfte Menschen. Manches Mal ist die Gefahr sehr groß, dass wir dabei uns selbst verlieren. Da wird uns ein Kontrastbild in der ersten Lesung angeboten, eine Sinnalternative, wie unser Leben viel besser gelingen kann. Es ist das Bild der Weisheit als Person, der wir begegnen können, wenn wir gut aufpassen. Auch wenn sie strahlend und unvergänglich ist, drängt sie sich uns nicht auf. Sie bietet sich an. Sie sitzt in aller Bescheidenheit vor unserer Türe. Nur denjenigen Menschen kommt sie zuvor und gibt sich zu erkennen, die nach ihr verlangen. Vielleicht halten wir nach Großem Ausschau, nach etwas Besonderem. „Aber zum Geheimnis der Weisheit, das sie gern mit uns teilen möchte, gehört es, dass sie sich einfach und im Einfachen finden lässt“ (TD, Nov. 2020). Hier kommt uns eine Warnung: Vor lauter streben nach Großem, könnten wir ermüden, schnell ausgelaugt sein, und wie die fünf Jungfrauen im Evangelium, die nicht mehr auf den erwarteten Bräutigam warten konnten und vor lauter Erschöpfung einschliefen. Sie verpassten die Stunde der Erfüllung und der echten Freude. Es war die Stunde der Ankunft und der Gegenwart des Bräutigams; die Stunde Jesu Christi.

Jesus Christus ist die Weisheit Gottes: Ich erkenne in diesem wunderschönen Bild der Weisheit in Menschengestalt aus der ersten Lesung die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus. Gott bietet sich uns an in seinem Sohn, Jesus Christus. Er drängt sich nicht auf. In ihm jedoch liegt unsere Rettung. Uns wird gesagt, was wir mit unseren Verstorbenen gemeinsam haben und worauf es letztendlich ankommt: „Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben.“ Allein was zählt, ist, dass wir in der Weisheit Gottes bleiben, die Jesus Christus ist. Das ist aber das schöne Geschenk des Sakraments des Altares, wo Jesus sich uns als Heilung und Heil anbietet. Schön ist es, wenn wir des Öfteren mit Freude daran teilnehmen.

ALLERSEELEN: 02.11.2020

ALLERSEELEN 2020-11-02

KERNBOTSCHAFT: Die Seelen unserer Verstorbenen sind in Gottes Hand und leben in uns weiter.

In unserer Trauer liegt der Same der Ewigkeit: Der Spätherbst ist für viele Menschen eine emotional beladene und gespaltene Zeit. Ich bekenne mich zu den vielen >>Herbstromantikern<<. Die gelblichen Blätter faszinieren mich unbeschreiblich. Jene Blätter erinnern uns allerdings zugleich an die Vergänglichkeit. Der Spätherbst schafft sich eine derartige trübselige Stimmung, die an uns nicht vorübergeht. Die Erinnerungen an die Menschen, die wir dem Tod verloren haben, steigen einfach hoch. Die >>Herbstdepression<< holt viele Menschen ein, und manches Mal wissen sie gar nicht so richtig, woher diese negative Stimmung kommt. Wir sind jedoch mit dem Schatten des Todes konfrontiert. Das ist die eine unleugbare Wahrheit – unsere Wahrheit! Wir haben Recht auf unsere Trauerstimmung, wegen der lieben Menschen, die wir nicht mehr unter uns haben. Mitten in einer solchen >>Herbststimmung<< dürfen wir allerdings unseren Blick auf die vollen Scheunen nicht verlieren, die unsere Verstorbenen hervorgebracht haben. Die Sterne am Himmel sehen wir ja viel besser nur wenn es in der Nacht dunkel ist. Die Seelen unserer Verstorbenen sind nicht nur in Gottes Händen, sondern leben in uns weiter. Es ist zu einer Art >>Identitätsverschmelzung<< gekommen. Sind wir doch die Träger*innen der Liebe, die sie uns gezeigt und wir mit ihnen geteilt haben. Es ist sehr trostreich: „Was im Herzen liebevolle Erinnerungen hinterlässt, und unsere Seele berührt, kann weder vergessen werden, noch verloren gehen“ (Anonym).

Die christliche Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit: Die Bibel bietet uns ein plakatives und berührendes Beispiel, wie der Glaube einen Menschen halten und tragen kann, der in der Verzweiflung steckt. Der Mensch Hiob war an seiner >>Schmerzgrenze<< angelangt. Hören wir, was eine solche >>Schmerzgrenze<< für ihn bedeutete: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen. Jener Tag werde Finsternis, nie frage Gott von oben nach ihm, nicht leuchte über ihm des Tages Licht…Noch hatte ich nicht Frieden, nicht Rast, nicht Ruhe, fiel neues Ungemach mich an“ (Hiob 3,3-4.26). Auch der Psalmist spricht für die vielen in ihren unterschiedlichsten >>Schmerzgrenzen<<: Tränen waren mein Brot bei Tag und bei Nacht; denn man sagt zu mir den ganzen Tag: >>Wo ist nun dein Gott?<< (Ps 42,4). Wir hören aber auch folgendes großartiges Glaubensbekenntnis des Mannes Hiob mitten in seiner Schmerzgrenze: „Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub.“ Wie uns die Lesung aus dem Römerbrief bildhaft zeigt, unsere Schmerzgrenze könnte eine Geburtswehe einer neuen Hoffnung sein. Eine Hoffnung auf einen Gott, der uns nahe ist. Ein Gott, dem das Leiden der Menschen in keiner Weise fremd ist. Gerade diese von Gott gestiftete Hoffnung meint Jesus im Evangelium: „Die Stunde kommt und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben.“

HOCHFEST ALLERHEILIGEN: 01.11.2020

HOCHFEST ALLERHEILIGEN: 2020-11-01

KERNBOTSCHAFT: Unser Leben wird sich in Gott vollenden – dem Schöpfer des Lebens.

Ankommen-Wollen ist die Signatur unseres Lebens: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ So wird uns im ersten Johannesbrief gesagt. Und in seinem berühmten Gedicht „STUFEN“ schreibt Hermann Hesse: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten…Es wir vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegen senden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden… Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Schwestern und Brüder in Jesus Christus, unser glückliches Schicksal als Menschen und besonders als gläubige Menschen ist es, dass wir vollendet werden, dass wir unterwegs sind zur Vollendung. In der Nichtigkeit gibt es jedoch keine Vollendung, sondern nur Vernichtung. Wir werden in Gott vollendet. Die wirklich in jeder Hinsicht gute Nachricht des christlichen Glaubens ist, dass jeder Mensch wachsen und weiterwachsen kann. Unser Lebensziel besteht darin, dass wir in Gott hineinwachsen können. Der Tod bringt dann diesen Wachstumsprozess zur Vollendung. Die Vision des Johannes sagt uns den Sinn dieser Vollendung: „Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.“ Im Tod werden wir erkennen, worum wir im Leben bemüht sind, zu glauben: Dass „Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit“ gehört.

Unsere Vollendung geschieht bereits im Lebensvollzug in dieser Welt: Schwestern und Brüder, es steckt unglaubliche Kraft in den Worten Jesu in den Seligpreisungen! Sie fassen – nach dem Matthäusevangelium – die gesamte Botschaft Jesu vom Reich Gottes zusammen. Sie stellen die Kurzformeln des christlichen Glaubens dar. Wer wirklich das Christentum näher kennenlernen will, entdeckt es in den Seligpreisungen. In ihnen vollzieht sich bereits unsere Lebensvollendung. Am Hochfest Allerheiligen fühlen wir uns mit allen Menschen eng verbunden, die nach der Denkungsart Jesu Christi gelebt haben und nun mit ihm in seiner Herrlichkeit sind. Ich finde, dass eine gute Meditation über die Seligpreisungen uns gut helfen kann, unsere christliche Spiritualität immer neu zu vertiefen.

MESSFEIER ZUM NATIONALFEIERTAG: 26.10.2020

MESSFEIER ZUM NATIONALFEIERTAG 2020-10-26

KERNBOTSCHAFT: Das Christentum und die Christen*innen müssen der Garant für das Gemeinwohl in einem Land (in Österreich) sein.

Von der christlichen zu einer staatlichen „Haustafel“: Der „Heldenplatz“ in Wien imponiert mir sehr seit ich in Österreich lebe. Was mir an ihm immer wieder sehr gut gefällt und mich sehr innerlich bewegt, ist, wenn große Kundgebungen – manches Mal mit Kerzen – dort beginnen und mit einem Zug in den Stephansdom enden. Es kommt mir immer wieder so vor, als würden die Menschen die Lebensthemen, die sie miteinander artikuliert haben, einer höheren Macht überbringen, als würden sie ihre Anliegen – ihre Sorgen, Unsicherheiten und Hoffnungen Gott überbringen. Dabei hat der Kaiser (Franz Josef II.) eine Art „Haustafel“ für das ganze Volk am Tor zur Ringstraße festgehalten: „Justitia es fundamentum regnorum“Gerechtigkeit ist das Fundament der Regierung (des Reichs). In der Tat: Ein Staat, der nicht auf dem Fundament der Gerechtigkeit gebaut ist und steht, wird keinen Bestand haben; nachhaltig nicht. Das gleiche gilt auch für die Weltgemeinschaft. Eine ähnliche „Haustafel“ gab der Apostel Paulus an seine Gemeinde von Ephesus: „Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“ Nun stellt sich die Frage, wie der Sinn für Gerechtigkeit realisiert werden kann, der letztendlich Gott ausklammert. Wenn wir wirklich daran glauben, was wir in einem Lied aus dem >>Gotteslob<< immer wieder singen, „Sonne der Gerechtigkeit, geh auf in unserer Zeit“, dann müsste diese Sonne durch uns über unsere Gesellschaft scheinen. Es sind halt sehr viele Faktoren, die zusammenwirken, damit Gerechtigkeit, Frieden und Wohlergehen in einem Land herrschen. Beten wir also für eine gute Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche.

Der Sabbat und die Werke der Gerechtigkeit: Im Evangelium erweitert Jesus unseren Horizont über die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist nicht dazu da, die Nöte der Menschen zu vergrößern. Eine Gerechtigkeit, die den Konkreten Menschen in seiner konkreten Situation nicht wahr- und ernstnimmt, ist mangelhaft. Gerechtigkeit muss es manches Mal schaffen, den Rahmen einer Verordnung zu sprengen, um Menschenleben zu retten. Denn das oberste Gesetz Gottes ist die Lebensrettung. So wollen für die Menschen, die politische und juristische Verantwortung tragen, damit sie bei den Ausführungen ihrer wichtigen Aufgaben die Nöte der Menschen im Blick haben.

DREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (A): 25.10.2020

DREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (A): 2020-10-25

KERNBOTSCHAFT: Jeder Mensch hat seinen unverlierbaren Platz im Herzen Gottes.

Nicht Moral, sondern Gottbezogenheit: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Manches Mal habe ich den Eindruck, dass viele Menschen diesen Satz nicht hören können und wollen. Er klinge schon zu abgedroschen. Allzu moralisierend. Es könnte aber nur deshalb sein, weil der Satz auf etwas Tiefverborgenes in uns stößt, worauf wir nicht verzichten wollen. Es könnte eine verborgene Selbstrechtfertigung für unser Denken und Handeln sein. Jesus war aber kein Moralist! Für ihn reichte und reicht die bloße Moral nicht aus für das Leben aus dem Glauben. Jesus spricht zu den Menschen von dem, was in der Mitte göttlicher Existenz verankert ist. Es geht also um die persönliche Teilnahme am Leben des dreifaltigen Gottes. Darum braucht es die ganze menschliche Existenz, um Gott wirklich lieben zu können. Darum sagt Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“(Mt 22,37). Wer Gott liebt, muss ihn aus seiner Mitte lieben und in seine Mitte hinein. Das bedeutet aber, dass wir den konkreten Menschen unmöglich aus unserer Gottesliebe ausklammern. Ebenfalls ist es an sich unmöglich, dass Gottesliebe bestimmte Menschen ausschließt, denn jeder Mensch hat seinen Platz im Herzen Gottes. Dieses dreifache Liebesgebot ist die einzig glaubwürdige Weise an Gott zu glauben! Wo aber ist die Grenze der Nächstenliebe? Gehören auch Menschen am Rande der Gesellschaft in diese Liebe Gottes hinein? Sind die Heimatlosen, Menschen auf der Flucht, mit diesem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe mitgemeint? Was ist mit der Selbstliebe? Wenn ich mich wirklich liebe, werde ich zugleich die grundlegendste Sehnsucht eines jeden Menschen nach Liebe und Geborgenheit erkennen und fördern. Es ist einfach wunderbar, dass Jesus an das Schönste in uns appelliert: das Bild Gottes in jedem Menschen. Das Gleichnis vom guten Samariter ist ein anschauliches Beispiel dieses jesuanische Anliegen.

Gott erzürnt sich wegen der Liebesverweigerung: Ich finde die Begründung der Magna Charta für das Volk Israel großartig und hochaktuell. „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.“ So ernst ist es Gott um die von der Gesellschaft und von den Führungskräften Vergessenen! Gott macht ihre bedrohte existentielle Situation zu seiner eigenen Angelegenheit. Er tut es, weil er sie in seine Herzmitte hereingeholt hat. Wahre Nächstenliebe hat ihren richtigen Platz im Herzen Gottes.

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