ZWEIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-11-07

ZWEIUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-11-07

Schrift: 1 Kön 17,10-16; Mk 12,38-44

KERNBOTSCHAFT: Mit der Perspektive Gottes rechnen, die eine erfüllende und die Welt verwandelnde Kraft besitzt.

Staunen darüber, wie Gott am Werk ist: Immer wieder lässt uns Gott staunen über seine Wege und Möglichkeiten. „Der kleine Weg“, wie es bei der heiligen Theresa von Lisieux heißt, ist immer schon der Weg Gottes. Gott sieht die „unbedeutenden Dinge und Menschen, die wir üblicherweise nicht sehen. Das Unerwartete gehört zu der Wirkungsweise Gottes. Eine berührende Episode in der Zentralkirche meiner Heimatgemeinde wird mich wohl mein ganzes Leben begleiten: Da kam mein erster Bischof, der mich nach Österreich zur Fortsetzung meines Theologiestudiums geschickt hat, einmal zur Firmung. Nach dem Kommunionempfang steuerte ein an Schizophrenie erkrankter Mann von hinten zum Altarraum und hatte ein Brot in seiner Hand, das er offensichtlich für den Bischof gekauft hatte. Die Kirchenwächter wollten ihn daran hindern. Da sprang der Bischof sofort auf und ging dem Mann entgegen. „Bischof, das ist für dich, ganz allein!“ Sein Chauffeur nahm es ihm ab, und der Bischof wies ihn zugleich an: „Gib es in mein Auto, denn dieses Brot kommt mit mir nach Hause!“ ein Gejohle in der Kirche und der Bischof schmunzelte nur.“ Ein Mann, der kaum zweimal am Tag essen konnte! In unseren zwei Schriftlesungen sind es zwei Frauen – zwei Witwen – deren Lebensunterhalt nichts Nennenswertes war. Sie teilten das Wenige, das sie hatten dennoch! Hier ist die eine Frage, die mich sehr beschäftigt: Wie viel Freiheit muss ein Menschen haben, und, wie viel Gottvertrauen, um so handeln zu können?

Die Durchsichtigkeit und Helligkeit des wahren Lebens: Mir kommt es vor, dass diese zwei Witwen großartige Gestalten der Freiheit sind. Es ist die Freiheit zum Teilen. Ich verstehe die beiden Szenen so, dass wir erst dann Menschen sind, wenn es uns gelingt, zu teilen. Fürderhin bin ich tief davon überzeugt, dass das Teilen das Zusammenleben der Menschen viel leichter macht; dass der Weltfrieden möglich ist durch das Teilen. Beide Witwen widersprechen der Einstellung mancher Menschen, die meinen, dass sie nicht genug haben, um teilen zu können. Kein Mensch hat zu wenig oder zu viel, um zu teilen. Echtes Teilen schenkt Erfüllung, und eine solche Erfüllung wünsche ich jeder und jedem von uns.

ALLERSEELEN: 2021-11.02

ALLERSEELEN 2021-11-02

KERNBOTSCHAFT: Der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi ist das große Plus in unserem Leben als Christen*innen.

Die Geschichte ist der große Ort des dauerhaften Lernens: Der Allerseelentag hat nicht nur eine spirituelle Dimension, wie dies in der Bibel im Buch der Makkabäer (2 Makkabäer 12,43-45) zu finden ist. Die Geschichte erzählt uns, dass gegen Ende des Karolinger-Reiches während des sogenannten „Dunklen Jahrhunderts“ 882–962 das kirchliche Leben moralisch auf einen Tiefpunkt gesunken war und sich schwere Missstände entwickelt hatten. Diese Situation führte in einer Gegenbewegung zu Beginn des Hochmittelalters vor allem die Cluniazensische Reformzu einer gesteigerten Askese und Reinigung von allem Weltlichen innerhalb der Kirche, insbesondere in den Klöstern, mit einer zunehmenden Mystik (am bekanntesten ist die Benediktinerin Hildegard von Bingen). Es sei also im Leben am wichtigsten, sich auf den Tod vorzubereiten und auf das darauf folgende Letzte Gericht, um so das eigene Seelenheil zu gewährleisten. Es entstand die Spiritualität und zugleich die Lebenshaltung des Memento Mori (Sei dir der Sterblichkeit bewusst!). Das katastrophale epidemische Auftreten der Pest in Europa ab Mitte des 14. Jahrhunderts führte erneut zu einer Verstärkung des Memento-Mori-Gedankens. Es gab aber auch andere Form des Gedenkens an die menschliche Sterblichkeit:  Memento mortis („Gedenke des Todes“); Media vita in morte sumus(Mitten im Leben sind wir im Tode) oder Mors certa hora incerta(Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss). Verglichen mit der gegenwärtigen Todesverdrängung stand bereits um 1900 auf der Rathausuhr in Leipzig der letzterwähnte Spruch: Mors certa hora incerta (Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss). Die Bibel wusste aber schon der drohenden Sterblichkeit, wie dies im Buch der Psalmen zu lesen ist: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Ps 90,12).

Die christliche Antwort auf die Vergänglichkeit menschlichen Lebens: Schwestern und Brüder, während wir heute im gemeinsamen Gebet aller und unserer Verstorbenen gedenken, sind auch wir selbst voll im Bilde. Denn schon morgen könnten wir zu der Schar der Menschen, die gelebt haben, gehören. Ja, es stimmt, Media vita in morte sumus – Mitten im Leben sind im Tode. Wir sollten uns also mehr um ein achtsames Leben bemühen. Denn wir haben unser Leben nicht in der Tasche! Nicht jedoch die Angst soll uns lahmlegen, sondern wir sollen vielmehr die Gedanken des Guten hegen und das konkrete Gute auch bemüht sein, zu tun. Es gibt aber auch die eigentliche biblische Spiritualität der Vergänglichkeit. Vom Menschen Hiob können wir folgendes lernen: angesichts unerträglichen Lebenssituation wendet er sich an einen Gott, den er nicht mehr versteht; er nennt Gott „Erlöser“. Seine Hoffnung weist über die gegenwärtige Not hinaus. Wieder zeigt uns der Apostel Paulus im Römerbrief, welche Einstellung für unser Leben tragfähig ist: „Nach den Leiden der gegenwärtigen Zeit, nach allen Schmerzen und der Erfahrung der Vergänglichkeit, wird er sich er sich zeigen als ein Gott, der seine Schöpfung nicht im Stick lässt, sondern sie zur Vollendung führt.“ Wir können uns in diesen Glauben einüben.

HOCHFEST ALLERHEILIGEN: 2021-11-01

HOCHFEST ALLERHEILIGEN 2021-11-01

KERNBOTSCHAFT: Der Alltag ist der Ort der Bewährung unserer Heiligkeit.

Aus dem Mund der Kinder: Die Einfälle, die viele Kinder manches Mal haben, können sehr aufschlussreich sein. Auch hinsichtlich des Hochfestes Allerheiligen. Ein kleiner Junge besucht einen Dom mit seiner Mutter und sieht zum ersten Mal alte gotische Glasfenster. Draußen scheint die Sonne und die Fenster leuchten in den schönsten Farben. Die Mutter erklärt ihm, was es da zu sehen gibt: Gestalten aus der Bibel und viele Heilige. Später einmal kommen sie im Religionsunterricht auf die Heiligen zu sprechen. Ob denn jemand wisse, was die Heiligen seien, fragt der Religionslehrer. Sofort meldet sich der kleine Junge: „Ich weiß es! Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint.“ Brauchen wir denn noch eine hochtrabende theologische Erklärung über die Heiligen? „Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint“, „Menschen, durch die es heller wird in unserer Welt; die ein wenig mehr Farbe in unser Christsein bringen; Menschen, die das Evangelium so aufleuchten lassen, dass wir selber angesteckt werden.“

Ähnlich sieht es der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar: „Heilige sind Menschen, die den Schatz des Glaubens ins Kleingeld des Alltags umgemünzt haben. Oder: Die Heiligen sind Antworten von oben auf die Fragen von unten. Heilige sind lebendige Kommentare zum Evangelium.“ Dann bringt Papst Franziskus die Heiligen heim zu uns: „Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. Oft ist das die Heiligkeit „von nebenan“, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind.“ Ja, es gibt diesen göttlichen Widerschein durch Menschen in unserem Alltag. Menschen, die oft keinen Lärm machen.

Und was ist mit uns selbst? : Im ersten Johannesbrief wird uns gesagt, worin die christliche Heiligkeit besteht: In der Hoffnung auf Jesus Christus. Denn: „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist“ (1 Joh 3,3). Wie setzen wir aber unsere Hoffnung auf Jesus Christus? Indem wir uns das Bewusstsein bewahren, dass wir zwar in der Welt sind, dennoch nicht von der Welt sind. Die schönen und die hässlichen Dinge dieser Welt können uns den Blick auf Jesus Christus versperren. Der richtige Weg zur individuellen Heiligkeit mitten in dieser Welt wird uns [wieder] im ersten Johannesbrief gesagt: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und die Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,15-17). Das ist überhaupt keine Weltflucht! Das Leben der Heiligen lädt uns ein zur Selbstüberwindung und Selbstüberschreitung. Der große europäische Denker und Humanist ermahnt uns dazu: „Es hilft dir nichts, wenn du die Heiligen verehrst und ihre Reliquien berührst, aber dich nicht um das Beste kümmerst, das sie hinterlassen haben: das Beispiel ihres Lebens“ (Bh, Okt. 2021).

EINUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021.10.31

EINUNDDREISSIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-10-31

KERNBOTSCHAFT: Gott ist die Würze im christlichen Humanismus.

Gott ist kein Etikettenschwindel im christlichen Programm der Welterneuerung: Der Humanismus ohne den Gottesbezug entartet immer wieder in eine selbstbereichernde Ideologie. Die Weltgeschichte, ja, die europäische Geschichte, ist voll von solchen ideologischen „Ismen“. Wir sind Zeugen*innen dafür, wie der falsche Humanismus die Menschenwürde und Menschenrechte missachtet hat. Solche Ideologien haben ans Tageslicht gebracht, wie die Faszination des Bösen aussieht! Die Geschichte ist aber auch voll von unterschiedlichen Missbräuchen des Gottesbezuges. Der religiöse Fundamentalismus ist überhaupt nicht tot! Nicht nur der abgewählte amerikanische Präsident Donald Trump ist ein unübertreffliches demonstratives Beispiel dafür, sondern genauso in der katholischen Kirche unter denen, die Papst Franziskus bekämpfen wegen seiner Erneuerungsideen. In unserem Evangelium führt Jesus aber Gott und den Menschen zusammen: Gottesliebe UND Menschenliebe bilden die Einheit christlichen Lebensideals.Wenn es im Buch Genesis, im Schöpfungsbericht fünfmal heißt „Und Gott sah, es war gut!“, so ist diese Güte Gottes die unversiegbare und herausfordernde Quelle des kirchlichen Lebens wie auch aller gesellschaftlichen Erneuerungsbewegungen. Dieses Gut-Sein der Schöpfung Gottes möchte sich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen widerspiegeln.

Gerettet in die Gott-Mensch-Beziehung hinein: Schwestern und Brüder in Christus! Die Frage des Schriftgelehrten ist auch unsere Frage. Denn, immer wieder beschäftigen uns folgende Fragen: Was ist das Wichtigste im Leben? Worauf und auf wen soll ich hören? Was hat Priorität in meinem Leben? Wie bleiben wir durch den Tag hindurch mit Gott verbunden? Gern teile ich meine tiefste Überzeugung mit euch: Mitten im Stimmengewirr unserer Zeit, in der Meinungsmache der Sozialen Medien, im Getöse werbender Konsumriesen und in den unübersichtlichen Sinnangeboten verschiedener Esoterik-Praktiken verlieren viele Menschen leicht Lebensorientierung. Für uns Christen*innen heißt es deshalb: Stets auf Jesus hören! Er hat vom himmlischen Vater Kunde gebracht, und diese Kunde ist sehr ermutigend: „Damit die Menschen das Leben haben, und es in seiner Füllen haben“ (Joh 10,10). Darum ist das Hören das erste und höchste Gebot und Gebet für Israel: „Schema Israel!“ – „Höre Israel!“ Was wir von Jesus hören, ist, dass er uns in eine heilende Beziehung hineingerettet hat; in die Beziehung mit Gott und mit den Mitmenschen. Wir können uns immer mehr darum bemühen. Gott gibt die Kraft dazu.

NATIONALFEIERTAG: 2021-10-26

NATIONALFEIERTAG 2021-10-26

KERNBOTSCHAFT: Nachdenken über das Wesen des Staates aus dem Glauben.

Aufruf zum Gebet fürs Land Österreich: Jedes Jahr zum Nationalfeiertag ruft uns die Kirche dazu auf, für das Land zu beten; für das gesamte Volk und für die Regierungsverantwortlichen. Vielleicht fragen sich manche Menschen, wozu beten, es genügte ja schon, vernünftig zu handeln. Stimmt es aber, dass die Vernunft genügt? Wessen Vernunft mitten in einer Parteienlandschaft? Wessen Vernunft in einem pluralistischer gewordenen Österreich? Wo bleibt da die reine Vernunft mitten in allen Spannungen, die es gibt? Immer wenn ich am „Heldenplatz“ bin lese ich sehr nachdenklich die Inschrift am Haupttor „Justitia est fundamentum regnorum“ – Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Regierung“. Das ist das eigentliche Geschäft einer jedweden Regierung. Wie schaut es aber mit der Umsetzung der Gerechtigkeit aus? Rudolf Taschner im Jahr 2011 ein Buch mit einem zynischen Titel herausgegeben, „Gerechtigkeit siegt, aber nur im Film“. Wo bleibt denn da die alleinige Selbstwirksamkeit der Vernunft? Es muss etwas Zusätzliches dazu kommen!

„Unruhig liegt der Kopf, der die Krone trägt.“: Die Verantwortung einer Regierung ist enorm, ja, sogar unübersichtlich. Es steckt deshalb sehr viel in diesem Weisheitsspruch: „Unruhig liegt der Kopf, der die Krone trägt.“ Eine gute Regierung braucht die Weisheit des Herzens, braucht ein gutes Gewissen. Eine gute Regierung braucht unbedingt eine zivilgesellschaftliche Mitverantwortung, damit die Gerechtigkeit zu einem Gemeinwohlgut werden kann. Für die Kirche gehört aber das Gebet zu dieser wünschenswerten zivilgesellschaftlichen Mitverantwortung. Ja, wir haben das Recht, die Missstände in der Politik zu kritisieren, denn was immer in der Politik geschieht, belangt auch uns an. Wir können es uns jedoch nicht erlauben, nur ein Jammerhaufen, bescheren uns immer nur über das, was uns nicht passt. Wir tragen auch eine Eigenverantwortung. Wir sollen für die Hauptverantwortung in der Politik beten – ja, bewusst beten, weil die politische Lenkung nicht immer leicht ist, ja, die politischen Verantwortung kann eine große Bürde sein. Unsere Gebete wollen sich aber auch wie ein Sauerteig im Evangelium ausbreiten, bis sie uns verwandeln und wir unsere Gesellschaft durchsäuern.

NEUNUNDZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021.10.17

NEUNUNDZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-10-17

KERNBOTSCHAFT: Privilegien Reiterei hat die Tendenz, das innerste Wesen des Zusammenlebens zu zerstören.

Die Ursehnsucht des Menschen besser verstehen: „Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. … Was soll ich für euch tun? … Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.“ Es ist erstaunlich, welche Vorstellung die zwei Brüder haben, was sie „nur für sich“ wollen. Bevor wir jedoch emotionell zu einseitig die zwei Brüder Jakobus und Johannes moralisch verurteilen, sollten wir uns fragen, was hinter ihrer Bitte wirklich steht. Sie haben sich eine besondere, persönliche Zuwendung gewünscht. Ich bin davon überzeugt, dass sie sich etwas gewünscht haben, was in allen Menschen grundgelegt ist: die unverhandelbare Würde. Sie haben die tiefste Sehnsucht eines jeden Menschen aus- und angesprochen, die Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Ihr Wunsch kann darum nicht falsch gewesen sein! Falsch war das Lüstern nach Macht. In einer vorhergehenden Auseinandersetzung korrigierte Jesus diese Machtvorstellung: „Sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei“ (Mk 9,35b). Diese Machtvorrangstellung war ein großes Thema im innersten Kreis der Jünger Jesu. Ein schweres Erbe des Christentums! Bis heute! Diese Versuchung lebt weiterhin in der Kirche Jesu Christi! In den kleinen und großen Pfarrgemeinden. Der Traum von der Macht ist nicht ausgeträumt!

Die pädagogische Hochschule Jesu: Mich spricht sehr an, dass Jesus die zwei Brüder keineswegs verurteilt hat. Er hat ihre Sehnsucht gut verstanden. Er wusste jedoch, dass diese Sehnsucht nach Machtvorrangstellung ein Irrweg war und ist. Jesu Hinweis ist aufschlussreich: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Mir scheint, dass Jesus ihnen die Frage gestellt hat: „Habt ihr euch gut überlegt, was euer Wunsch für andere bedeutet?“ Eure ersehnte Dominanz und Vorrangstellung sind eine Gefahr für das Gemeinwohl, für ein gedeihliches Zusammenleben. Die jesuanische Alternative ist viel besser und ist der gute Weg zu einem friedlichen Zusammenleben. Hört also auf mit diesem beständigen Herrschen-Wollen, denn es geschieht viel Unrecht dadurch! „Ihr wisst doch, dass die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.“ Gerade dieser Weg führt ins Nichts! Eine solche Macht erzeugt immer mittel- und längerfristig weitere zerstörerische Macht. Dann vollzieht Jesus eine Art staunenswerte Wende im Denken und in der Haltung seiner Jünger: „Bei euch aber soll es nicht sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ Für Jesus ist Anerkennung überlebenswichtig für uns Menschen. Wir können sie jedoch nicht einfordern! Sie ist die Frucht einer dienenden Liebe. Wahres Menschsein besteht im Dienen; im Sich-Selbst-Zurücknehmen für die anderen. Gerade dieser eine Satz in der ersten Lesung führt uns ein in die Lebensart des Gottesknechtes: „Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen. … Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.“ Die wahre Gerechtigkeit Gottes ist darum die dienende Liebe. In die gleiche Kerbe schlägt dieser Satz aus der zweiten Lesung, wenn das Mitfühlende Dasein des Gottessohnes angesprochen wird: „Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche…“ Zum richtigen Dienen gehört ein gutes Quantum des Einfühlungsvermögens. Darin können wir uns gut und beständig einüben.

27. FATIMA MONATSWALLFAHRT: 2021-10-13

27. FATIMA MONATSWALLFAHRT: 2021-10-13

MOTTO: Mit Maria in allem Gott suchen

Wenn das unruhige Herz in Gott seine Ruhe findet: Die existenzielle Bedeutung dieses Augustinischen Spruchs ist unermesslich: „Geschaffen hast du uns auf dich, O Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Das Herzrasen, wie es oft in der Psychotherapie heißt, muss keine spezifische neurobiologische Ursache haben. Es kann auch ein Hinweis auf einen geistig-spirituellen Mangel sein. Eine instabile Persönlichkeit hat eine instabile Seelenlandschaft und die Freundschaft mit Gott kann oft eine große Wende bedeuten. Die Gottsuche ist darum sehr wichtig für ein glückliches, sinnerfülltes Leben. Gott ist eben ein Gott des Lebens! Stelle es dir vor, wenn du sagen würdest: „Das Leben meint es gut mit mir.“ Würde es bedeuten, dass du vor allen Formen der Schicksalsschläge verschont bleiben müsstest? Keineswegs! Es bedeutet lediglich, aber ganz besonders, dass dein Leben in Gott seinen Anker gefunden hat – trotz allem. Viele Menschen laufen jedoch große Gefahr, Gott zu missbrauchen, weil sie Gott nicht Gott sein lassen wollen. Sie meinen, das Leben unter ihrer Kontrolle zu haben. Sie stellen häufig Prognosen, die sie selbst überfordern. Bei der Suche nach dem Leben und Gott sind sie oft voreingenommen und bleiben meistens bei ihren Erwartungen. Sie lassen keinen Raum offen für Überraschungen. Überzogene Erwartungen bergen allerdings Samen von psychischen und körperlichen Erkrankungen. Christliche Spiritualität ist Gottsuche und ist zugleich höchsttherapeutisch!

Mit Maria in allem Gott suchen: Wir wissen vom Wert der Vorbilder im Leben. Es ist eine Binsenwahrheit, dass es Menschen gab oder gibt, deren Lebensart uns faszinieren und auf die wir schauen bei unserer eigenen Lebensgestaltung. Eine solche Gestalt ist für uns Christen*innen ist Maria, die Mutter Jesu. Sie war eine Meistergottsucherin. Sie hat Gott in allem gesucht. Sie hat „Unmögliches“ zugelassen. Das nennt sich Gottvertrauen. Ihre Gottsuche bestand vor allem darin, dass sie „alles in ihrem Herzen bewahrte“, ohne auf alles eine Antwort zu haben. Das war kein blindes Vertrauen, sondern eine vorbehaltlose Offenheit gegenüber dem Geheimnis Gottes. Es gehört eben zum Wesen dieses Geheimnisses Gottes, dass wir als Teil des Ganzen die Erklärung für manche Dinge im Leben nicht in der Hand haben, sondern erst eine komplette Zusammenschau aller Teile der Wirklichkeit erklärt uns unser Leben selber. Mir kommt vor, dass ein großartiges Gleichnis von Viktor E. Frankl die gesamte Haltung Marias bei ihrer Gottsuche erklärt. Es ist erst in einer Dunkelkammer, wenn alle analogen Negativen ausgeknipst worden sind, dass die Bilder entwickelt werden und ihre Qualität sichtbar wird. Diese Wahrheit in Gelassenheit und Ausharren hat auch schon Paulus erkannt: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin“ (1 13,12). In diesem Sinn möge uns die Haltung Marias bei der Gottsuche eine gute Orientierung sein.

ACHTUNDZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021

ACHTUNDZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHREKREIS (B): 2021-10-010

KERNBOTSCHAFT: Die Weisheit ist der Hauptschlüssel zu vielen Problemen in unserem Leben.

Die vielen Fragen der einen Frage: Wir sind zeitlebens mit tausendundeinen Fragen konfrontiert, die wir dem Leben stellen und die uns das Leben ebenfalls stellt. Es gibt einen gemeinsamen Nenner aller dieser Fragen, mit denen wir uns in unterschiedlichsten Situationen herumschlagen: Wie kann mein Leben gelingen? Und:: Wann wissen wir, dass unser Leben gelungen ist? Es gibt eine Antwort, die für mich sehr stimmig ist: Wenn wir spüren, dass wir innerlich frei (geworden) sind. Und: Wenn wir innerlich überwältigt sind vom Gefühl des Glücks. Es heißt, wenn wir unser Leben als sinnerfüllt erleben und bejahen, da wir erkannt haben, dass wir unsere Aufgabe in dieser Welt haben und erfüllen. Da heute der Welttag für psychische Gesundheit ist, ist es unabdingbar, dass wir an die Dimension der Weisheit denken. Längst ist es eine bekannte Erkenntnis, dass es Heilung aus Weisheit gibt. Wie geht es aber mit der Gesundheit aus Weisheit? Es heißt, dass wir unsere Gesundheit ganzheitlich verstehen.

Die biblische Ode an die Weisheit: Das großartige Modell des Betens in prekären Situationen bleibt aus meiner Sicht das Gebet des König Salomos: „Verleih […] deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht!“ (1 Kön. 3,9a). Salomo betete für das Wichtigste bei seiner Amtsführung und vertraute darauf, dass alles andere folgen wird können. In unserer ersten Lesung hörten wir die Poesie der Klugheit bzw. der Weisheit. „Ich betete und es wurde mir Klugheit gegeben; ich flehte und der Geist der Weisheit kam zu mir…Mehr als Gesundheit und Schönheit liebte ich sie.“ Was ergibt sich daraus für unser Leben? Damit unser Leben gut und besser gelingt, brauchen wir eine geistige Orientierungshilfe; wir brauchen eine alternative Sinnstiftung. Nennen wir sie die „Weisheit von Oben“. Sie ist allerdings eine Unruhestifterin. Die „Weisheit von Oben“ ist nach unserer zweiten Lesung das Wort Gottes: „Lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.“ In diesen Worten über den Logos – das Wort Gottes – klingt etwas durch, was für die Heilung unserer Welt und unseres eigenen Lebens sehr wichtig ist: das Wort Gottes, die „Weisheit von Oben“, besitzt die Kraft, uns Menschen neu zu schaffen, uns neu zu gestalten, die Menschen aufzurichten. Zum Welttag für psychische Gesundheit machen wir uns diesbezüglich nichts vor, denn psychische Erkrankungen haben nicht nur neurobiologische Ursachen. Es gibt auch Umwelteinflüsse, sozialpolitische Ursachenzusammenhänge, und nicht zuletzt die verkehrten Lebenseinstellungen. „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Wandeln wir diese Frage um, so heißt es „Was muss ich tun, um glücklich zu sein?“ Jesus würdigte seine Bemühungen um die Gesetzestreue, wollte ihn jedoch zu seiner inneren Freiheit, zum Weg des wahren Glücks anleiten. „Eines fehlt dir noch.“ Seine Gesetzestreue entpuppte sich wie ein Kartenhäuschen. Versuchen wir doch, uns immer wieder zu fragen: „Was fehlt denn dir jetzt noch?“ Es könnte ein großer Schatz der Selbsterkenntnis in dieser Übung stecken.

HOCHFEST MARIENS IM KLOSTER: 2021-08-15

HOCHFEST DER AUFNAHME MARIAS IN DEN HIMMEL_MESSFEIER IM KLOSTER: 2021-08-15

KERNBOTSCHAFT: Zeichen des Lebens aus dem Glauben sein.

Was mich hoffen und leben lässt: Mitten in der Härte des Lebens möchte ich immer die Spuren des Lebens, die Zeichen der Verheißung Gottes entdecken und schätzen. Manches Mal sind es sogenannte Banalitäten, die uns Mut und Freude machen, die uns sagen, dass es etwas Verborgenes gibt, das uns mitten in der offensichtlichen Brutalität des Alltags aufleuchtet und berührt – selbst wenn nur augenblicklich! Eine von euch war unlängst ein solches Zeichen für mich. Ich fuhr mit dem Auto bei der U-Bahn Station Ottakring vorbei, und in dem nötigen langsamen Tempo erblickte ich eine von euch in ihrem Habit, mit dem Gesicht unverwandt, in einer Eile Richtung zur Station. Sie wollte sicherlich den nächsten Zug erwischen. Auf einmal dachte und sagte ich mir: „Hier ist eine leise Verkündigung durch das einfache Erscheinungsbild einer jungen Frau!“ Auch wenn ich selber selten mein Priesterhemd trage, wenn ich unterwegs in die innere Stadt bin, trage ich es doch ab und zu als ein Zeichen, dem widersprochen wird; als ein >>Skandalon<<, wie Paulus schreibt. Beim Anblick jener Schwester sagte ich mir, also: „Diese Schwester geht – wie ihr alle und viele andere Ordensschwestern – für das Leben der Verheißung.“ Das Leben der Verheißung ist aber stärker als der Tod.

In Maria die Verheißung Gottes und die Vollendung des Lebens erkennen und schätzen: In einer bildreichen Sprache schildert uns das Buch der Offenbarung das große Drama der Heilsgeschichte, der Erlösung. Schon mitten im irdischen Leben sind wir beständig mit dem Kampf um Leben und Tod konfrontiert. Uns wird jedoch gesagt und gezeigt, dass das Leben unter dem Zeichen der Verheißung Gottes immer den Sieg davon trägt. Maria wird als eine hervorragende Gestalt im gesamten Siegeszug des Lebens dargestellt: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. […] Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, er rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten.“ Wir erkennen: obwohl das Leben von Anbeginn an tödlicher Bedrohung ausgesetzt ist, ist uns der Sieg des Lebens sicher. Gerade diese Theologie der göttlichen Verheißung war die Botschaft des Apostels Paulus an seine Gemeinde von Korinth: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.“ Wir dürfen, können und müssen diesen Sieg des Lebens über den Tod schon in dieser Welt lebend verkünden. In Maria erkennen wir, wie Gottes Verheißung in Ewigkeit ihre Gültigkeit behält. Sie ist und bleibt das Urbild des Glaubens und der Kirche. Wir können, wie Maria, uns Gottes Verheißung öffnen – jeden Tag neu.

ZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-08-15

ZWANZIGSTER SONNTAG IM JAHRESKREIS (B): 2021-08-15

MARIÄ AUFNAHME IN DEN HIMMEL

KERNBOTSCHAFT: Gott zeigt uns in Maria die Allmacht seiner Liebe und den Sieg des Lebens über den Tod.

Maria ist Urbild der Christenheit und der Kirche: Ich frage mich manches Mal, was Gott aus meinem Glauben an ihn macht. Andersherum: Braucht Gott meinen Glauben an ihn? Ganz kritisch gesagt, braucht er überhaupt nicht meinen Glauben. Viel richtiger wäre die Frage: Brauche ich meinen Glauben an Gott? Zustimmend antworte ich auf diese zeitkritische Frage mit einem großen unbedingten JA! Gott braucht insofern meinen Glauben an ihn, damit er ihn in sein großes und bedingungsloses JA zu mir verwandelt. Das hat er uns im Leben Marias vorbildlich gezeigt. Ich entdecke diese Antwort, diese tiefe Überzeugung im großen und spannenden Drama der Lesung aus dem Buch der Offenbarung. Die brennendste Menschheitsfrage ist die Frage über Leben und Tod. Nicht allein die vielen Formen der Krankheiten im Alltag unterstreichen diese Erfahrung vom Kampf über Leben und Tod, sondern die verschiedenen Epidemien und Pandemien der Menschheitsgeschichte, und, nicht zuletzt die gegenwärtige COVID-19-Pandemie. Im Buch der Offenbarung werden uns alle möglichen Bedrohungen des Lebens geschildert. Am Ende jedoch löst sich das Ganze im Sieg des Lebens auf. Gerade in diesem Sieg des Lebens ist uns Maria, Mutter Gottes, Mutter unseres Erlösers, Urbild der erlösten Menschheit, Urbild des Glaubens und der Kirche.

„Wie im Anfang, so auch jetzt, bis in alle Ewigkeit“: Wir sind Christinnen und Christen mitten in der Welt das Volk der Verheißung. Christlich zu glauben, bedeutet darum, an die Verheißung Gottes zu glauben. Diese Verheißung steht am Anfang und am Ende der Bibel. Dazwischen gestalten wir unser Leben in Freiheit und Verantwortung. Eine Gestaltung, die auf dem Fundament dieser Verheißung baut und sich von derselben Verheißung anziehen lässt. Gott sprach und spricht zu Menschen durch Zeichen, historische Ereignisse und konkrete Personen. Was ER immer sagte und sagt, ist eine Verheißung, eine Verheißung des Lebens, das sich in einem Sieg über das Böse vollenden wird. Gerade diese Verheißung erfüllte sich exemplarisch im Leben Marias. Mögen wir trotz aller Widerwärtigkeiten und Verzweiflung an den Sieg des Lebens fest glauben. Gott selber ist der Garant dieser Zuversicht.

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